Reconstruction of air separation plant (ASU) in Malaysia.

Mit 80.000 Teilen um die Welt: Der Umzug einer Luftzerlegungsanlage

Der Umzug einer Industrieanlage in der Gasindustrie ist keine leichte Aufgabe, doch die Experten von LINDE PLANTSERV® sind der Herausforderung gewachsen – auch über Landesgrenzen hinweg.

Internationale Verlegung einer Industrieanlage

  • Industrieanlagen in der Gasindustrie haben eine lange Lebensdauer. Wenn sich ökonomische Rahmenbedingungen ändern, kann eine Anlagenverlegung die wirtschaftlich attraktivste Lösung für eine solche Investition sein.
  • Ein Team aus Linde-Experten bietet Komplettlösungen an, um den maßgeschneiderten Umzug einer Industrieanlage effizient und termingerecht abzuwickeln.
  • Ein Projekt von LINDE PLANTSERV® veranschaulicht die flexible Projektumsetzung bei einer Anlagenverlegung von China nach Malaysia – hinweg über Länder- und Kulturgrenzen.

Wirtschaftliche Bedingungen ändern sich heutzutage rasant – und mit ihnen die Kundenbedürfnisse. Für Betreiber von großen Gasanlagen ist es nicht leicht, sich schnell und unkompliziert an Veränderungen anzupassen: Neubauten sind nicht nur zeitintensiv, sondern auch eine kostspielige und ortsgebundene Investition. Damit totes Kapital wieder genutzt werden kann, bietet LINDE PLANTSERV® Standortverlegungen von Anlagen an. Das heißt, bestehende und technisch einwandfreie Prozessanlagen an einen anderen Standort zu transportieren, wo sie gebraucht werden – Modifikationen, falls notwendig, eingeschlossen. Das Beispiel aus Shah Alam zeigt, wie eine Gasanlage erfolgreich von China nach Malaysia verfrachtet wurde, inklusive neue Produktanforderungen.

Ein Zeitsprung in die Vergangenheit: 2015, Chengdu, China. Der Bau einer Luftzerlegungsanlage für flüssigen Sauerstoff, Stickstoff und Argon ist gerade abgeschlossen. Doch bereits zwei Jahre später stellt der Betreiber der Gasanlage fest, dass er sie aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr an diesem Standort benötigt. Doch in Shah Alam, Malaysia, hatte er dafür Bedarf – wenn auch mit anderen Anforderungen: Dort sollte vorwiegend gasförmiger Sauerstoff, kurz GOX für Gaseous Oxygen, erzeugt werden und deutlich weniger flüssige Produkte. Solche Veränderungen sind in einer ASU (Air Separation Unit) generell möglich, allerdings erfordert das technische Anpassungen in der Anlage. „Ein Neubau wäre eine kostspielige Investition gewesen“, sagt Esra Oezel, Projektmanagerin bei LINDE PLANTSERV®. „Ein Umzug war in diesem Fall die günstigere Option, vor allem, weil die Anlage aufgrund ihrer vergleichsweise kurzen Betriebszeit in einem guten Zustand und auf dem aktuellen Stand der Technik war. Und so wurden wir damit beauftragt, die Standortverlagerung von Anfang bis Ende zu organisieren“, sagt Oezel. Die Ingenieure und Projektmanager in Pullach und Hangzhou standen zusammen vor der Aufgabe, eine komplette Industrieanlage 3.000 Kilometer weiter nach Süden zu verfrachten – ein Umzug im XXL-Format. 


Simulation offenbart notwendige Anlagen-Anpassungen

Doch bevor es dazu kam, mussten die Experten erst klären, ob sich die Luftzerlegungsanlage für die neue Produktzusammensetzung eignet – sprich die gewünschten GOX-Mengen herstellen kann. Dazu führte Linde bereits 2016 eine detaillierte Machbarkeitsstudie durch: Die Ingenieure simulierten die veränderten Prozessbedingungen. Auf diesen Ergebnissen treffen sie die Entscheidung, ob sich das Equipment weiterverwenden lässt und inwiefern das Design an die neuen Anforderungen angepasst werden muss. „Die Studie zeigte uns, dass wir viele Teile der Anlage mit entsprechenden Anpassungen übernehmen konnten“, sagt Oezel. Aber das Team um die Linde-Expertin stellte auch fest, dass die Wärmetauscherbox (Coldbox), die für die Kühlung der Gase zur Luftverflüssigung zuständig ist, ausgetauscht werden muss. Der Grund: Bei der Herstellung von gasförmigem Sauerstoff herrschen andere Prozessbedingungen hinsichtlich Druck und Temperatur. Dafür war die Coldbox nicht ausgelegt. „Weil die Konstruktion dieser Anlagenkomponente fernab im Süden Deutschlands einige Zeit in Anspruch nahm, war eine frühzeitige Beauftragung entscheidend. Damit konnte das Projekt parallel dazu auf vollen Touren weiterlaufen“, erklärt Oezel. Zudem musste das Linde-Team kleinere Anpassungen an den Luftkompressoren vornehmen und die bestehende Rektifikationskolonne mit zwei zusätzlichen internen Kompressionspumpen ausstatten, um sie an die neuen Prozessbedingungen anzupassen.

Optimale Organisation, tadelloser Transport

Die konkreten Planungen für den Umzug begannen im Februar 2017: Im ersten Schritt überprüften die Linde-Ingenieure das Rohrleitungs- und Instrumentenfließschema der bestehenden Anlage, kurz P&ID für Piping & Instrumentation Diagram, und integrierten die erforderlichen neuen Komponenten. Dieses digitale Dokument bildet die gesamte Anlage mit allen relevanten Steuerungselementen ab und hält sämtliche Projektteilnehmer auf dem gleichen Wissensstand. Anschließend fertigte das Team um Oezel eine systematische Sicherheitsstudie aller Anlagenbauteile an und erstellte auch ein 3D-Modell. Erst dann begann die eigentliche Umzugsplanung: Welche Bauteile können umziehen und welche müssen beispielsweise aufgrund von Verschleiß oder veränderten Anforderungen neu bestellt oder nachgerüstet werden? Mit all diesen Vorarbeiten schafft LINDE PLANTSERV®, die notwendigen Voraussetzungen für einen reibungslosen und effizienten Transport.

Hinzu kommt, dass in Malaysia besondere Regeln herrschen: „Alle importierten Komponenten, die unter Druck stehen, benötigen eine Genehmigung der Behörde für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz. Diese muss lange im Voraus beantragt werden, um die späteren Bauarbeiten nicht auszubremsen“, erklärt Oezel. „Dank der detaillierten Planung lief in dieser Hinsicht alles optimal ab.“

 Reconstruction of air separation plant in Malaysia after plant relocation done by the LINDE PLANTSERV® team.
Wiederaufbau der Luftzerlegungsanlage in Malaysia.
Linde Umzug in XXL-Format Das internationale Team am neuen Standort in Malaysia, nach dem Umzug der Luftzerlegungsanlage von China (LINDE PLANTSERV®)
Das internationale Team am neuen Standort in Malaysia.

Interkontinentales Teamwork

Während sich die Baustelle in Malaysia befand, lag die Projektleitung im 3.000 Kilometer entfernten China. Federführend für die Werksverlegung waren Linde-Experten am Standort in Hangzhou verantwortlich, die erstmalig einen solchen Auftrag in Südostasien übernahmen. Sie organisierten Abbau, Transport und Wiederaufbau der unzähligen Anlagenteile im stetigen Austausch mit den Kollegen aus Pullach und Shah Alam. Bin Xu, Projektmanager bei Linde und Verantwortlicher für den Umzug nach Malaysia, hatte einige regionale Unterschiede zu managen – sowohl technische als auch kulturelle: „Auf der Baustelle arbeiten Menschen aus verschiedensten Ländern, von Bangladesch über Indonesien bis Indien. Die Kommunikation und Arbeitsgewohnheiten waren anfangs sehr unterschiedlich, doch mit der Hilfe unserer malaysischen Kollegen konnten wir einen reibungslosen Ablauf gewährleisten.“ Auch das Wetter spielte eine Rolle, denn Regenfälle sorgten häufig für Unterbrechungen auf der Baustelle. „Viele Meilensteine des Projekts erreichten wir dadurch, indem wir Bau- und spätere Inbetriebnahme-Aktivitäten parallel vornahmen – natürlich nur, soweit dies im Rahmen der Sicherheitsbestimmungen möglich war“, erklärt der Projektmanager.


Ortswechsel erfolgreich gemeistert

Die größte technische Herausforderung stellte die Mischung aus verlagerten, nachgerüsteten und neuen Teilen dar, die das Experten-Team wieder zu einer funktionierenden Einheit zusammensetzte. Viele Teile der Anlage, vor allem die Rohrleitungen, sind nach dem chinesischen Guobiao Designcode gebaut. Dieser gibt an, mit welchen Materialien, Maßen und Belastungsgrenzen die Teile gefertigt wurden. „In Malaysia verwendet man allerdings den internationalen ASME-Standard der American Society of Mechanical Engineers. Wir mussten deshalb Bauteile austauschen oder umrüsten, damit die Anlage in Malaysia in Betrieb gehen durfte“, erklärt Xu. Auch die rechnergestützten Betriebssysteme brauchten ein Update, um wieder kompatibel mit den neuen Komponenten zu sein. Dank seiner langjährigen Erfahrung und mit Hilfe seines Expertenteams gelang die Inbetriebnahme der Anlage Anfang Oktober 2018 sogar einen Tag früher als geplant. „Trotz der unglaublichen Komplexität des Projekts lief dank unserer detaillierten Planung im Vorfeld alles reibungslos und zuverlässig ab. Darauf sind wir sehr stolz“, fassen Xu und Oezel diese Erfolgsgeschichte für LINDE PLANTSERV® zusammen.

Standortverlegung auf die schnelle, effiziente Art